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Das religiöse Urteil und die Glaubensvorstellungen

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Sowohl bei dem Paul- als auch dem Hiob-Dilemma ist der Anteil der zweiten Entwicklungsstufe erstaunlich hoch. Es wurde ja bereits auf das Verantwortungsgefühl der Finnen auch in bezug auf die Religion hingewiesen. Vielleicht spiegelt sich dadurch einiges von dem im Volke lebendigen Protestantismus wider. Ende 2000 zählten 85% der Gesamtbevölkerung von Finnland zur evangelisch-lutherischen Kirche (Kirkon tilastollinen vuosikirja 2001, 10). Nach Schätzungen von Heino (1993) wird die Kirche immer noch für einen Moralisten gehalten, der die Menschen daran erinnert, was angemessen ist und was nicht. Vermutlich liegt er dabei nicht falsch, wenn man das von den Vertretern der zweiten Stufe vermittelte Gottesbild betrachtet. Die auffällig großen Anzahlen der dritten Stufe bei den Ergebnissen dieser Untersuchung, die auf Interviews von aktiven Kirchenmitgliedern beruht, liegen noch höher als erwartet. Dies kann durch die Vielzahl der Formen von Religiosität auf der dritten Stufe erklärt werden, vom Atheismus bis zum Fundamentalismus, wie auch Oser und Gmünder feststellen (1988, 86). Aufgrund dieser vorliegenden Ergebnisse läßt sich leicht der zweifachen Auslegung der dritten Stufe durch Schweitzer und Bucher (1989, 141) zustimmen. Danach stellt die religiös ausgerichtete dritte Stufe eine natürliche Phase der Entwicklungs des Individuums auf dem Weg zur nächsten Stufe dar. Die nicht-religiös ausgerichtete dritte Stufe ist der Endpunkt einer Entwicklung. Bei meiner Untersuchung würde die dritte Stufe eben ausdrücklich die ausreligiös gerichtete Entwicklungsstufe ausmachen, wobei es sich sehr wohl z. B. um das Auseinandergehen von kirchlicher und persönlicher Religiosität handeln könnte. Dies unterstützt meine These von der Privatisierung der Religiosität, insbesondere bei Männern. Der Gesamtanteil der dritten Stufe läßt sich auch von der lutherischen Zwei-Regimentlehre her erklären. Die Einteilung in ein irdisches und geistiges Regiment, in diesseitige und jenseitige Angelegenheiten, wird den auffällig großen Anteil der dritten Stufe zumindest nicht senken. Bei ihren Überlegungen über den Unterschied zwischen der Transzendenz und der Immanenz betonen Oser und Gmünder (1988, 35) die Verbindung der religiösen Reife mit der religiösen Weltanschauung. Je höher die religiöse Entwicklung ist, umso dringender benötigt man eine Auslegung der jeweiligen Situation nach den Kriterien des religiös-metaphysischen Weltbildes, die auf die Betrachtung der Welt als einer Ganzheit in unterschiedlichen neuartigen Situationen beruhen. In Finnland läßt sich allem An-schein nach die Integration der religiösen Dimensionen hinsichtlich der lutherischen Regimentlehre nur schwer auffassen. Hinzu kommt die Frage nach der Universalität der Entwicklung der religiösen Struktur und nach deren unveränderlicher, die Kulturgrenzen überschreitender Entwicklungslinie. Die Resultate dieser Untersuchung unterstützen mit gewissem Vorbehalt die Auffassung, nach der die Entwicklung der religiösen Struktur in verschiedenen Kulturen gleichartigen Gesetzmäßigkeiten unterliegen würde. Die Hinweise auf die Kulturverbundenheit religiöser Äußerungen werden gleichfalls zu einem gewissen Punkt durch das finnische Material bekräftigt. Die Kulturverbundenheit kann im Hintergrund geschichtlicher Ereignisse betrachtet werden. Die finnische Gesellschaft und damit verbunden auch das Weltbild und die Religiosität der Finnen gerieten gegen Mitte der 60er Jahre in eine Übergangsphase. Die Urbanisierung beschleunigte sich, und die traditionelle Agrarkultur begann sich aufzulösen. Mit der Zunahme der Arbeitstellen in der Industrie entstanden immer dichter bewohnte Siedlungen. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung änderte sich auch das religiöse Weltbild allmählich. Die Veränderungen in bezug auf die Religiosität geschahen zumindest anfangs langsam, denn z. B. noch in der Mitte der 70er Jahre erwähnte Pentikäinen (1975, 92), folgende Termini als allgemein gebräuchlich für die finnische Lebensart: "The Finnish way of life and Finnish world view." Laut Heino (1993, 32) bezeichnen die Wörter Unverbundenheit, Privatisierung und Synkretismus die Veränderung in der Religiosität der Finnen in den letzten Jahren. Den Statistiken zufolge zeigt sich auch im religiösen Leben das Streben nach Individualität und Unabhängigkeit. Das Nebeneinander vieler Religionen verblüfft ebenso. Diese von Heino beschriebene Lage der letzten Jahre kann als der Endpunkt des in den 60er Jahren begonnenen Entwicklungsprozesses angesehen werden. Aus der Perspektive der religiösen Entwicklung stimuliert die Umwelt nicht gerade die Entstehung eines reifen religiösen Denkens. Im Jahre 1967 waren die Befragten meiner Untersuchung im Alter von 23-37 Jahren. Daß man sich an das Weltbild der Jugend festklammert, kann sehr wohl eine Erklärung für den Stillstand der religiösen Entwicklung auf der zweiten oder dritten Stufe sein. Holm (1990, 26-27) schrieb, wie unsere Kultur dazu neigt, religiöse Auffassungen als recht kindlich hinzustellen. Manch einer mag glauben, daß es bei religiösen Fragen nicht wie üblich erlaubt ist, seinen Überlegungen freien Lauf zu lassen. Es gilt, entweder den naiven Kindesglauben aufrechtzuerhalten oder seinen Glauben ganz aufzugeben. Holm betont, daß eine starke bewußte Arbeit nötig ist, um früh erlernte Überzeugungen verarbeiten, sich neu zu orientieren und sich weiter zuentwickeln. Steht solch ein Prozeß erst an den Anfängen oder ist er vielleicht noch nicht abgeschlossen? Zu Beginn meiner Untersuchung wurde die Hypothese aufgestellt, daß die eigenen Erfahrungen eventuell in einer Verbindung mit der Entwicklungsstufe des religiösen Urteils stehen. Die Hypothese erwies sich als falsch. Die Ergebnisse meiner Untersuchung sind eigentlich recht logisch. Diesen Resultaten zufolge besteht kein Zusammenhang zwischen einem religiösen Dilemma im eigenen Leben und einer hohen religiösen Entwicklungsstufe. Eigene Erfahrungen über religiöse Dilemmata oder Leiden fördern den Entwicklungsprozeß keineswegs. Diese Ergebnisse können als Stütze grundsätzliche Annahme strukturalistischer Theorien angesehen werden, d.h. die Annahme einer invarianten Sequenz. Die Stufen können nicht überschritten werden, sondern man unterliegt der immanenten Logik der Transformationen der Strukturen. Sie bekräftigen auch die von Kohlberg (1984, 8) erwähnte grundsätzliche Vermutung der kognitiven Theorie, wonach die Entwicklung kognitiver Strukturen das Resultat des Interaktionprozesses zwischen der Struktur des Organismus und der Struktur der Umwelt ist und nicht so sehr das Ergebnis von Lernen und Reifung. Welche Rolle die Umwelt und das Lernen bei der religiösen Entwicklung spielen, bleibt noch bei umfangreicheren Projekten in der Zukunft zu untersuchen.

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