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Religiöse und soziale Motivation für die kirchliche Trauung

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Halten wir uns die bemerkenswertesten Resultate noch einmal vor Augen. Zuallererst stellen wir fest, daß die kirchliche Trauung für die Mehrheit der Brautleute kein inhaltsloses Geschehen ist, nur noch durch Atmosphäre und Tradition aufrecht erhalten, sondern daß ihr religiöse, christliche und kirchliche Bedeutung verliehen wird. Die Mehrheit betrachtet die Trauung in der Kirche als Wahl für Christentum und Kirche. Immerhin sind die christlich-religiöse und die kirchliche Motivation die Faktoren mit dem höchsten Durchschnittsergebnis. Wie soll man das in Übereinstimmung bringen mit den oft gehörten Aussagen über eine säkularisierte Gesellschaft, in der die kirchliche Trauung vor allem als ein Ereignis figuriert, welches für die Eltern oder Schwiegereltern wichtiger ist als für die Brautleute selbst? Bedeutet dies, daß solche Aussagen falsch sind, oder liefert unsere Untersuchung ein zu rosarotes Bild? Bevor wir darauf eine Antwort geben, müssen wir zunächst daran denken, daß die Ergebnisse auf dem katholischen Bevölkerungsteil unseres Landes basieren und dabei auf denjenigen, die in der Kirche heiraten, folglich nicht auf einer repräsentativen Gruppe von allen jungen Leuten in den Niederlanden. Eine wichtige Ursache soll genannt werden, aufgrund derer man sich vorstellen könnte, daß unsere Resultate ein zu positives Bild von der Situation geben könnten. Bei den Neuvermählten könnte das vorliegen, was in der Psychologie kognitive Dissonanzreduktion genannt wird (Festinger, 1964). Das heißt, daß Meinungen in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Verhalten (in diesem Fall: Heiraten in der Kirche). Im Rückblick auf ihre kirchliche Trauung könnten die Eheleute ihr mehr religiöse, christliche und kirchliche Bedeutung zumessen als in Wirklichkeit dabei eine Rolle gespielt hat. Anstelle der peinlichen Erkenntnis, daß sie vor allem unter dem Druck der Umgebung kirchlich geheiratet haben, glauben sie eher, daß sie aus inneren Gründen eine kirchliche Einsegnung gewählt haben. In diesem Falle hätte man nicht in der Kirche geheiratet, weil man selbst religiös, christlich oder kirchlich motiviert ist, sondern man wäre religiös, christlich oder kirchlich motiviert, weil man in der Kirche geheiratet hat. Weiterhin ist denkbar, daß die religiöse, christliche und kirchliche Motivation ein so hohes Ergebnis hat, weil man vermeintlichen Erwartungen des Fragers entsprechen wollte. Letztendlich meinen wir jedoch, daß - trotz möglicher Verzeichnungen - die Ergebnisse einen ausreichenden Anstoß geben, uns zu fragen, ob man gegenwärtig nicht allzuschnell Säkularisationstendenzen wahrzunehmen vermeint. Unsere Resultate weisen in die Richtung einer innerlichen Motivation. Es gibt zweitens eine Reihe auffallender Resultate, die mit dem wechselseitigen Verhältnis von religiöser, christlicher und kirchlicher Motivation zu tun haben. Zuerst stellen wir fest, daß, sofern jemand seiner Trauung eine spezifisch christliche Bedeutung verleiht, dies nicht als ein gesondertes, deutlich vom allgemein religiösen unterschiedenes Bedeutungssystem anzutreffen ist. In Verbindung damit verweisen wir auf den Unterschied, den Faber (1982) zwischen Naturreligion - einer mehr diffusen Form von Religiosität, in der man sich z. B. getragen fühlt durch das Heilige - und der Offenbarungsreligion macht, die immerhin auf der Naturreligion aufbaut, ihr aber eine konkretere Form gibt, wie z. B. in der christlichen Dogmatik. Diesen Unterschied kann man jedoch in den Antworten der Neuvermählten nicht wiederfinden. Aus diesem Grunde und wegen des relativ hohen Prozentsatzes der Antworten "ich weiß es nicht" bezüglich der christlichen Bedeutung der Ehe, vermuten wir, daß die christliche Bedeutung für eine ganze Menge von Brautleuten nur noch implizit, nicht reflektiert anwesend ist. Schauen wir dann auf das Maß des Zutreffens der Motive, so stellen wir weiterhin fest, daß allgemein religiöse Bedeutungen am meisten unterstrichen werden. Christliche Bedeutungen spielen auch noch eine große Rolle, aber sie sind doch weniger wichtig als allgemein religiöse: "Gottes Segen" (81%) und "Gott als Zeuge" (70%) sind wichtiger als "der Bund Gottes" (55%) und "Jesu Leben" (55%). Bezüglich der kirchlichen Bedeutung gilt das folgende. Der Bezug zu einer konkreten Glaubensgemeinschaft trifft weniger zu (47% ) als die religiöse und christliche Bedeutung. Außerdem ist anderweitig (Pieper und Henau, 1984) - auf Grund derselben Befragten - festgestellt, daß Brautleute während ihrer Ehevorbereitung viel weniger über Themen sprechen wollen, die mit konkretem Handeln innerhalb der Glaubensgemeinschaft zu tun haben, als über Themen, die mit der Bedeutung des christlichen Glaubens für die Ehe zu tun haben. Wir interpretieren diese Tatsache wie folgt, wobei wir Gebrauch machen von dem in den Sozialwissenschaften viel in Anspruch genommenen Unterschied zwischen Fühlen, Denken und Handeln. Bei der kirchlichen Trauung wird sichtbar, daß die Verhaltenskomponente (das aktive Bezogensein auf die Glaubensgemeinschaft hin) der christlichen Kultur am leichtesten abbröckelt. Danach wird die kognitive Komponente (die christliche Motivation) weniger und weniger selbstverständlich. Die Gefühlskomponente widersteht am besten dieser Auflösung. In bezug auf diese Ergebnisse möchten wir kurz hinweisen auf eine Konsequenz für die Praxis der Eheseelsorge. Wenn man unsere Untersuchung betrachtet, dann können Priester, z. B. während einer Ehevorbereitung, meistens davon ausgehen, daß die Brautleute der Ehe eine allgemein religiöse Bedeutung verleihen. Von daher kann man versuchen, die christliche Bedeutung der Ehe zu verdeutlichen, sowohl für die Brautleute, bei denen die christliche Bedeutung nur noch implizit vorhanden ist, als auch für diejenigen, bei denen die christliche Bedeutung nicht mehr zutreffend ist. Erst danach erscheint es sinnvoll, die kirchliche Bedeutung zur Sprache zu bringen. Die kirchliche Motivation steht ja zu der religiösen Motivation in einem weiteren Abstand als die christliche. Es bleibt nur die Frage offen, wie - sofern überhaupt möglich - Brautleute mit einer allgemein religiösen Motivation zu einer spezifisch christlichen geführt werden können. Man wird dabei zum Vorschein bringen müssen, was dieses "allgemein religiöse" präzise bedeutet; wie es im gesamten Leben der Person verankert ist; was es für das konkrete tägliche Sein bedeutet; ob es etwas zu tun hat mit der Ehe als einem tief eingreifenden existentiellen Geschehen usw. Eine Meinungsumfrage kann hierüber keinen Aufschluß geben. Es werden daher zur Zeit bezüglich dieser Fragen bei einer Anzahl von Ehepaaren Tiefeninterviews durchgeführt, über die zukünftig berichtet werden wird. Zum Schluß wollen wir unsere Aufmerksamkeit noch zwei mehr speziellen Angelegenheiten widmen. Eine Untersuchung der Universität von Leuven (Belgien) kommt zu dem Schluß, daß das affektive Band, das "Sichhingezogenfühlen" zum anderen, kaum zu einer gewissen Offenheit für das Transzendente führt (Hutsebaut u. a., 1980; de la Marche-Goossens, 1975). In unserer Untersuchung scheint für die Hälfte der Neuvermählten etwas Derartiges sehr wohl zu bestehen: "Ich bin kirchlich getraut, weil ich erfahren habe, daß unsere Gefühle füreinander auch mit etwas Göttlichem zu tun haben" ist für 50% der Befragten zutreffend und "Ich habe in der Kirche geheiratet, weil man erfährt: Gott ist nahe, wenn zwei sich lieben" trifft für 49% zu (Tabelle 1). Ein Teil des unterschiedlichen Ergebnisses wird wohl dem Untersuchungsverfahren zuzurechnen sein: hier eine Meinungsumfrage, in Leuven eine Projektionstechnik (das Beschreiben von Erlebnissen anhand von Photos, die die Liebesbeziehung darstellen). Möglicherweise werfen die geplanten Tiefeninterviews mehr Licht auf diesen Unterschied im Ergebnis. Zum zweiten ist die kirchliche Trauung als "Übergangsritus" betroffen. Inwiefern erlebten die Befragten ihre kirchliche Trauung tatsächlich als Hilfe bei einem Übergang? Wenn man ganz direkt fragt, ob die kirchliche Trauung auch als solche Hilfe gewirkt hat ("Durch die Trauung in der Kirche wird der Übergang ins Eheleben leichter gemacht"), dann trifft dies nur für 12% der Befragten zu (Tabelle 1). Die etwas indirektere Formel: "Ich habe in der Kirche geheiratet, weil eine neue Zukunft anfängt; dies läßt allerhand Fragen entstehen, und der Glaube kann einem helfen, darauf eine Antwort zu finden", trifft ungefähr für die Hälfte (48%) der Befragten zu. Offensichtlich wird die kirchliche Trauung durch die Mehrheit der Brautleute sicher nicht explizit als Hilfe bei einem Übergang erfahren. Hierbei kann man sich fragen, inwiefern die Heirat gegenwärtig überhaupt noch Übergangscharakter hat. Die Heirat scheint gegenwärtig immer weniger einen drastischen Übergang darzustellen. Es geht ihr eine lange Periode des Sichkennenlernens voran. Das Aufbauen einer gemeinsamen Lebenswelt geht Schritt für Schritt. Es wohnen z. B. 31 % der Befragten schon zur Zeit ihrer kirchlichen Trauung zusammen. Was kann die kirchliche Trauung dann überhaupt für diese Menschen bedeuten? Möglicherweise ist die Trauung in diesem Fall ein sich noch einmal Bewußtwerden des gerade stattfindenden oder schon abgeschlossenen Überganges. Sie ist nicht mehr ein "rite de passage", sondern ein "rite de confirmation" (Lewin, 1982), eine Bestätigung und "Verfestigung" der schon (teilweise) aufgebauten "Wir"welt.

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